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Kapitel 1:

Das kristallklare Wasser des tyrrhenischen Meeres glänzte in der Nachmittagssonne. Die Sonnenstrahlen spiegelten sich in den sanften Wellen und ließen die Wasseroberfläche funkeln und glitzern. In einiger Entfernung zum Strand lagen mehrere Boote mit eingeholten Segeln vor Anker und schaukelten auf den Wellen hin und her. Nur ein kleiner Fischkutter sowie ein etwas größeres Boot, das einige Touristen für einen Ausflug entlang der Küste gechartert hatten, durchschnitten die Meeresoberfläche und zogen ein langes Band weißer Gischt hinter sich her. Weit draußen auf dem Meer ragte der mächtige Vulkankegel des Stromboli empor, an diesem Nachmittag waren aufgrund der klaren Sicht sogar auch die anderen Liparischen Inseln, die im Italienischen Isole Eolie, also Äolische Inseln, genannt werden, am Horizont deutlich zu erkennen. Bereits in der zweiten Maihälfte hatten die Temperaturen die Dreißig-Grad-Marke geknackt, jetzt, Mitte Juni, war es am frühen Nachmittag meistens brütend heiß und an den langen, feinsandigen Stränden der kalabresischen Küsten tummelten sich bereits zahlreiche sonnenhungrige und badebegeisterte Touristen, zu denen sich vorwiegend gegen Abend und am Wochenende auch viele Einheimische gesellten.

Lucia Oriolo saß am Spätnachmittag mit ihren drei Schülern auf der beliebten Piazza del cannone des kleinen mittelalterlichen Städtchens Tropea, das am tyrrhenischen Meer malerisch auf einem ungefähr vierzig Meter hoch aufragenden Felsen erbaut ist. Auf der Piazza hielten sich oft viele Touristen auf, weil man von dort aus den besten Blick auf das Wahrzeichen von Tropea sowie von ganz Kalabrien hat, nämlich die kleine Wallfahrtskirche Santa Maria dell’Isola, die auf dem Gipfel eines dem Städtchen vorgelagerten Sandsteinfelsens thront. Bei schönem Wetter verlegte Lucia den Unterricht gerne ins Freie und traf sich mit ihren Schülern in einem der vielen kleinen Cafés oder auf der Terrasse einer der Ferienwohnungen, in denen die Schüler der Sprachenschule während ihres Aufenthaltes in Tropea untergebracht waren. An diesem Tag hatte sie für ihre kleine Klasse die Bar del cannone ausgewählt, um während des Sprachkurses wie ihre Schüler einen Cappuccino, ein Eis oder eine andere Erfrischung genießen zu können. In den zwei Jahren ihrer Tätigkeit als Sprachlehrerin hatte sie die Erfahrung gemacht, dass ihre Schüler im Freien viel aufnahmebereiter für den Unterrichtsstoff waren als in den kleinen, hohen Klassenzimmern der Sprachenschule, die sich mitten in der Altstadt befand. Zudem war es besonders für die Teilnehmer der Anfängerkurse eine willkommene Gelegenheit, in einer Bar oder einem Café die ersten Italienisch-Kenntnisse bei einer Bestellung anwenden zu können.

Nach dem Abitur hatte Lucia auf Sizilien, an der Facoltá di Lettere e Filosofia der Universität von Messina studiert. Ihr Vater hatte wenig Verständnis dafür gehabt, dass sie ihren Heimatort verließ und ein Studium auf sich nahm. Für ihn gehörte eine Frau immer noch zuhause an den Herd, sollte möglichst schnell heiraten, viele Kinder bekommen und voll und ganz für ihren Ehemann da sein. Bis zur Hochzeit sollte sie wie ihre drei älteren Brüder im elterlichen Betrieb mitarbeiten. Schon allein um den ständigen Diskussionen über die mehr als altmodischen Ansichten ihres Vaters zu entgehen, hatte sie Tropea den Rücken gekehrt. Obwohl die Strecke nach Messina mit dem Zug sowie mit der Fähre über die Straße von Messina in circa drei Stunden zu bewältigen war, hatte sie die Gelegenheit für Wochenendheimfahrten selten genutzt, nur in den Semesterferien hielt sie sich regelmäßig wieder zuhause auf, vor allem weil die meisten ihrer Freundinnen aus Schulzeiten vor Ort geblieben waren.

In den Weihnachtsferien ihres letzten Studienjahres hatte Lucia Michele kennengelernt, der aus Catanzaro, der Hauptstadt von Kalabrien, stammte und wenige Monate zuvor als Lehrer an einer der Sprachenschulen von Tropea zu unterrichten begonnen hatte. In der Folge war sie am Wochenende wieder regelmäßig heimgefahren oder Michele hatte den Samstag und Sonntag bei ihr in Messina verbracht. Er war es auch, der sie dazu überredet hatte, sich bei seiner Sprachenschule zu bewerben. Relativ schnell bekam sie eine Zusage und so waren sie nach einigen Monaten nicht mehr nur ein Liebespaar, sondern sogar Kollegen. Allerdings hatte es Lucia abgelehnt, mit Michele zusammenzuziehen, lieber nahm sie das Angebot der Schule an, ein Zimmer in einer WG, in der schon eine andere Lehrerin wohnte, zu mieten. Eine gewisse Freiheit wollte sie sich trotz ihrer Beziehung zu Michele erhalten. Immer wieder hatte er Versuche unternommen, sie zu einer gemeinsamen Wohnung zu überreden, aber Lucia fühlte sich auch nach zwei Jahren noch nicht bereit dazu. Nicht nur deshalb kriselte es in der Beziehung der beiden immer wieder.

„Unser heutiger Unterricht ist leider schon wieder vorbei“, stellte Lucia mit Blick auf ihre Uhr fest.
A domani, bis morgen“ verabschiedete sie sich von Elli und Andrea, zwei Freundinnen aus der Nähe von Ingolstadt, die zum ersten Mal einen Italien-Urlaub mit einem Sprachkurs verbunden hatten. Dies traf auch auf Sebastian zu, allerdings war sein Unterricht noch nicht zu Ende. Neben dem Gruppenunterricht, für den er zusammen mit Elli und Andrea in eine Klasse eingeteilt worden war, hatte er sich noch für einen Einzelunterricht eingeschrieben.

Sebastian Schäfer war achtundzwanzig, stammte aus Erding und war Steinmetz. Nach seiner Ausbildung, einem Abendstudium in Betriebswirtschaft und mehrjähriger Tätigkeit bei verschiedenen Steinmetzbetrieben in Süddeutschland sollte er nun als Junior-Chef in die Firma seines Vaters einsteigen. Da dieser vorwiegend mit Lieferanten aus Norditalien zusammenarbeitete und Sebastian bislang praktisch kein Wort italienisch sprach, war er nach der Kündigung bei seinem bisherigen Arbeitgeber für vier Monate nach Tropea gereist, um in dieser Zeit intensiv die Sprache zu lernen. Lucia war dabei von Anfang an seine Lehrerin gewesen. Mit ihrer natürlichen, unkomplizierten Art und ihrem bezaubernden Lächeln hatte sie anfangs eher unbewusst ganz schnell erreicht, dass ihr Schüler sich in sie verliebt hatte. Nach zweiwöchigem Anfängerkurs in einer Vierergruppe hatte sein zusätzlicher Individualunterricht begonnen und weil ihn Lucia auch sehr nett und sympathisch fand, hatte sie in der Schule dafür gesorgt, dass sie auch diese Unterrichtsstunden bei ihm übernehmen konnte.

Nach dem ersten Intensivkurs hatten sie den Abend in einer Trattoria ausklingen lassen, bereits am zweiten Abend waren sie nach dem Abendessen in Sebastians Bett gelandet. Obwohl es in ihrer Beziehung zu Michele schon lange nicht mehr stimmte, war er aus allen Wolken gefallen, als ihm Lucia etwa zwei Wochen später eröffnete, dass zwischen ihnen endgültig Schluss sei. Michele hatte sie daraufhin solange bedrängt, bis sie ihm gestanden hatte, sich in einen anderen verliebt zu haben, dessen Namen hatte sie allerdings nicht preisgegeben. In einem so kleinen Örtchen wie Tropea blieb es allerdings nicht lange aus, dass Lucia und Sebastian von Michele gesehen wurden, zumal sie ihre anfängliche Zurückhaltung abgelegt hatten und sich offen zusammen zeigten. Bei ihrer ersten Begegnung hatte Michele eine Salve an Schimpftiraden auf Sebastian losgelassen, wobei der aufgrund seiner noch geringen Italienisch-Kenntnisse das meiste nicht verstand. Es ließ sich auch nicht vermeiden, dass sich Lucia und Michele in der Schule immer wieder über den Weg liefen, Micheles anfängliche Wut war aber allmählich der Hoffnung gewichen, dass sich zwischen ihnen schon wieder alles einrenken werde, wenn ihr deutscher Schüler erst einmal abgereist sei. Lucia ließ ihn in dem Glauben, auch wenn sie selbst anfangs überhaupt keinen Gedanken daran verschwendet hatte, wie es nach Sebastians langem Tropea-Aufenthalt weitergehen würde.

Schneller als befürchtet musste sie sich allerdings doch mit diesem Thema beschäftigen, als ihr von ihrem Frauenarzt eröffnet wurde, dass sie schwanger war. Nach seiner Rechnung musste es bereits in einer ihrer ersten Nächte mit Sebastian passiert sein. Diese Nachricht hatte sie völlig unvorbereitet getroffen. Für sie war zwar schon immer festgestanden, dass sie einmal Kinder haben wollte, aber damit wollte sie sich schon noch ein paar Jahre Zeit lassen. War Sebastian derjenige, mit dem sie eine Familie gründen wollte? Einige Tage hatte sie mit sich selbst gerungen, ob sie ihm überhaupt etwas von der Schwangerschaft erzählen sollte. Letztlich war sie zu dem Entschluss gekommen, dass er nicht nur das Recht hatte, davon zu erfahren, sondern dass er nun auch in der Pflicht war, sie mit den Folgen ihres Handelns nicht alleine zu lassen. Schließlich waren sie beide zu unvorsichtig gewesen.

„Schade, dass wir schon wieder fertig sind.“
Auch an diesem Tag waren für Sebastian die neunzig Minuten seines Einzelunterrichts viel zu schnell vergangen.
„Was willst du jetzt noch unternehmen?“
„Ich bin heute Abend bei meinen Eltern zum Essen. Übrigens will ich es ihnen heute erzählen.“
Sebastian zog erstaunt die Augenbrauen hoch.
„Jetzt schon? Meinst du nicht, dass es sinnvoller wäre, damit noch etwas zu warten?“
„Wozu? Sie werden ohnehin nicht erfreut darüber sein, dann bringe ich es lieber gleich hinter mich.“
„Soll ich mitkommen?“
Lucia schüttelte mit dem Kopf.
„So wie ich sie einschätze, ist es besser, wenn ich erst einmal alleine mit ihnen rede.“
„Sehen wir uns hinterher noch? Du weißt, dass uns nicht mehr so viele gemeinsame Tage hier in Tropea bleiben, viel zu schnell werden die vier Monate vorbei sein und ich muss zurück nach Deutschland.“
„Natürlich weiß ich das. Aber ich werde mich dort sicher etwas länger aufhalten und dann will ich heute einmal bisschen früher ins Bett, ich fühle mich nämlich in den letzten Tagen ziemlich schlapp.“
„Den Eindruck hatte ich aber in den letzten Nächten nicht, da hattest du jede Menge Energie“ grinste Sebastian.
Dann fügte er mit etwas ernsterer Miene hinzu:
„Hast du dir mittlerweile schon überlegt, was aus uns beiden werden wird, wenn ich in vier Wochen heimfliegen muss?“

Nachdem er sich von dem ersten Schock erholt hatte, als ihm Lucia von ihrer Schwangerschaft erzählt hatte, war er sich sehr schnell sicher gewesen, dass es für sie die beste Lösung wäre, wenn sie mit ihm nach Erding käme. Bei der Frage nach ihrer gemeinsamen Zukunft war Lucia dagegen immer noch hin- und hergerissen. Sollte sie ihren Job aufgeben und mit ihm nach Deutschland gehen? Bisher konnte sie nur ein paar Brocken deutsch, würde sie sich dort überhaupt zurechtfinden? Außerdem würde sie sich völlig von ihm abhängig machen, allein in einem fremden Land, ohne Job, zuerst schwanger und dann mit einem kleinen Kind. Andererseits, was hielt sie denn in Tropea? Sebastian liebte sie über alles und auch sie konnte sich vorstellen, für immer mit ihm zusammen zu bleiben. Trotz der räumlichen Nähe zu ihrer Familie befürchtete sie, auf sich allein gestellt zu sein, wenn sie nicht mit ihm mitgehen würde. Auch deshalb wollte sie nun schleunigst ihren Eltern erzählen, dass sie bald ihr erstes Enkelkind bekommen würden. Von deren Reaktion auf die Neuigkeit wollte sie es letztlich mit abhängig machen, ob sie ihre Heimat gen Norden verlassen würde.

„Sebastiano, Tesoro, lass uns morgen darüber reden“, wich sie seiner Frage zum wiederholten Mal aus.
Es kam ihr sehr gelegen, dass der Kellner gerade am Nebentisch stand und sich zu ihr herumdrehte.
Cameriere, il conto per favore.“
Nachdem sie die Rechnung bezahlt hatte, stand sie auf und verabschiedete sich mit einem Kuss von Sebastian.
„Mach dir einen schönen Abend, morgen nach unserem Kurs gehöre ich dann wieder ganz allein dir.“
Er stand nun ebenfalls auf, nahm sie bei der Hand, zog sie zu sich und umarmte sie.
„Ich kann mir mein Leben ohne dich einfach nicht mehr vorstellen, Lucia. Und natürlich will ich unser Kleines auch aufwachsen sehen. Kannst du das nicht verstehen?“
„Natürlich verstehe ich dich. Wie gesagt, wir reden morgen drüber.“
Noch einmal gab sie ihm einen Kuss und ließ ihn auf der Piazza del cannone alleine stehen.
Sebastian sah ihr nach, bis sie in einer der engen Altstadtgassen verschwunden war. Dann drehte er sich um und ging bis zu dem eisernen Geländer der Piazza. Fast senkrecht fiel die Felswand unter ihm ab, auf der steilen, steinernen Treppe, über die man vom Strand zum Ort hinauf gelangt, schnauften gerade zwei ältere Touristinnen nach oben. Unten auf dem Parkplatz am Fuße des Felsens, auf dem die Chiesa Santa Maria dell’Isola steht, stieg eine Reisegruppe soeben wieder in ihren Bus, nachdem sie hier Station gemacht hatte, um sich die Kirche anzusehen. Sebastians Blick streifte über den Strand und das Meer hinüber bis zum Stromboli, über dessen Gipfel wie immer eine kleine Rauchsäule stand. Gleich am zweiten Wochenende nach seiner Ankunft in Kalabrien hatte er zusammen mit einigen anderen Sprachschülern auf einem kleinen Ausflugsdampfer von Tropea aus einen Tagesausflug hinüber zu der Vulkaninsel gemacht. Dort hatte er gehört, dass man unter Leitung von erfahrenen Bergführern nächtliche Wandertouren hinauf bis zum Kraterrand unternehmen konnte, um im Dunkeln die fortlaufenden kleinen Eruptionen des Stromboli aus der Nähe beobachten zu können. Er hatte vorgehabt, sich dieses Schauspiel bei einem weiteren Besuch auf der Insel auch anzusehen, dann hatte er aber die Wochenenden jeweils mit Lucia verbracht, die ihm nicht nur Tropea und die nähere Umgebung gezeigt hatte. Einmal waren sie übers Wochenende sogar nach Sizilien hinüber gefahren. Lucia spielte am Samstag in Messina Stadtführerin für ihn und am Sonntag hatten sie sich ins Getümmel der unzähligen Touristen gestürzt, dies das berühmte Städtchen Taormina mit seinem erstaunlich gut erhaltenen griechischen Amphitheater besichtigen und von dort aus den grandiosen Ausblick auf den schneebedeckten Ätna genießen wollten.
„Hier ist es einfach traumhaft schön“, sagte er zu sich selbst, als er sich wieder einmal nicht sattsehen konnte an dem sagenhaften Panorama, dass sich ihm von der Piazza del cannone aus bot.
Der Klingelton von seinem Handy riss ihn aus seinen Gedanken. Die Nummer auf dem Display war im bestens bekannt.
„Servus Traudl, wie geht’s?“
Er drehte sich um und lehnte sich mit dem Rücken ans Geländer, um nicht zu übersehen, wenn Lucia noch einmal zurückkommen sollte.
„Nein, hier ist auch alles bestens. Mir kommt es so vor, als wäre ich schon ewig hier, aber ich freue mich jetzt auch schon richtig darauf, bald wieder nach Hause zu kommen.“
Dass er eventuell nicht alleine zurückkommen würde, behielt er für sich. Einer konkreten Frage von Traudl antwortete er nur ausweichend.
„Das besprechen wir am bestens, wenn ich wieder da bin.“
Wie immer, wenn sie anrief, kam er kaum zu Wort. Er hörte ihr noch eine ganze Weile zu, antwortete meist nur mit „Ja“ oder „Nein“ und verabschiedete sich dann von ihr.
„Servus, bis bald.“

Lucia war von der Piazza geradewegs zur Schule gegangen, weil sie für ihren Unterricht am nächsten Tag noch einige Seiten aus einem Buch kopieren wollte. Als sie die Tür der Schule aufsperrte, lief sie direkt Michele in die Arme, dessen Arbeitstag auch zu Ende war. Mit einer spitzen Bemerkung begrüßte er seine Ex-Freundin.
„Sieht man dich auch wieder mal allein?“
Diese Steilvorlage wollte Lucia nutzen.
„Ich bin doch gar nicht allein. Seit ein paar Wochen bin ich immer zu zweit unterwegs“, lächelte sie und streichelte sich mit der rechten Hand über den Bauch.
Obwohl man von ihrer Schwangerschaft praktisch noch nichts sah, verstand Michele sofort, was sie meinte.
„Das ist nicht dein Ernst?“
„Doch. Anfang Januar bekomme ich ein Kind.“
Michele starrte sie für einen Moment sprachlos an. Er konnte sich anhand des prognostizierten Geburtstermins leicht ausrechnen, dass er als Vater für Lucias Kind nicht in Frage kam. Sein letztes Fünkchen Hoffnung, dass er mit ihr wieder zusammenkommen würde, wenn Sebastian erst einmal abgereist war, war mit einem Mal dahin.
„Und wie stellst du dir vor, dass das funktionieren soll? Allein und mit einem Bambino?“
„Wieso allein?“
„Bleibt er etwa hier?“
„Nein. Ich werde mit ihm nach Deutschland gehen.“
Ihre Entscheidung dazu war zwar längst noch nicht gefallen, aber gegenüber Michele wollte sie gleich für klare Verhältnisse sorgen, damit er endlich aufhören würde, sich noch weiter Hoffnung auf sie zu machen. Seine Enttäuschung schien sich allmählich in Zorn zu verwandeln. Er packte Lucia mit beiden Händen an den Schultern und fauchte sie an.
„Was willst du denn in Deutschland? Du gehörst doch hierher. Lass es wegmachen und sei froh, wenn dieser Kerl, der dich geschwängert hat, wieder abhaut. Dann wird alles so wie früher zwischen uns.“
Sie schlug ihm mit der rechten Faust an den Unterarm, damit er sie losließe.
„Du spinnst wohl! Lass mich gefälligst los. Deine wahnwitzigen Ideen kannst du dir aus dem Kopf schlagen. Ich werde mein Kind bekommen und mit Sebastian zusammen großziehen, weit weg von so einem durchgeknallten Typen wie dich.“
Sie stieß ihn zur Seite, betrat die Schule und drückte die Tür hinter sich zu. Draußen polterte Michele weiter.

Eine Viertelstunde später, nachdem sie mit ihren Vorbereitungen für den folgenden Unterrichtstag fertig war, verließ sie das Gebäude wieder. Sie hatte nicht erwartet, vor der Schule noch einmal auf Michele zu treffen. Er war am Eck des Nachbarhauses im Schatten gestanden und trat ihr sofort gegenüber, als sie bei der Tür herauskam.
„Was willst du denn noch?“
„Lucia, komm, lass uns etwas essen gehen. Wir müssen unbedingt miteinander reden.“
„Da gibt’s nichts zu reden, Michele. Außerdem bin ich heute bei meinen Eltern zum Essen. Und jetzt lass mich gefälligst in Ruhe.“
Während er weiter versuchte, sie zu einem gemeinsamen Abendessen zu überreden, ließ sie ihn einfach stehen und marschierte in Richtung ihrer Wohnung davon.
„Glaub bloß nicht, dass du mit diesem Kerl lange glücklich sein wirst“, rief er ihr hinterher.
Sie war froh, dass ihr Michele nicht weiter folgte. Zuhause angekommen schnappte sie sich sofort ihren Autoschlüssel, setzte sich in ihren alten Fiat Seicento und machte sich auf den Weg zu ihren Eltern.

Das Anwesen der Familie Oriolo lag etwas außerhalb von Tropea. Lucias Vater Dino bewirtschaftete den Hof bereits in der dritten Generation. Von ihren drei älteren Brüdern waren Gianfranco und Rocco zusammen mit ihrem Vater tätig, während Matteo, der jüngste der drei, im Zentrum von Tropea einen kleinen Laden betrieb, in dem er vorwiegend die von seiner Familie selbst produzierten Erzeugnisse verkaufte. Der kleine Bauernhof von Lucias Urgroßvater war mittlerweile zu einem riesigen landwirtschaftlichen Betrieb geworden, der die verschiedensten Gemüsesorten anbaute. Im Mittelpunkt stand dabei die berühmte rote Tropea-Zwiebel.

Die Cipolla rossa di Tropea kann zurecht als die berühmteste Zwiebel Italiens bezeichnet werden. Sie wächst vorwiegend an dem kalabresischen Küstenstreifen rings um Tropea und wird hier angebaut, seit sie vor zweitausend Jahren, wahrscheinlich von den Phöniziern, in die Gegend gebracht wurde. Geerntet wird im Mai und Juni, zu kaufen gibt es die Zwiebel aber praktisch das ganze Jahr über auf den regionalen Märkten. Dekorativ zu Zöpfen geflochten findet man sie vor Ort in nahezu jedem Lebensmittel- oder Delikatessengeschäft. Aufgrund der frühen Ernte fehlt ihr die Säure, die der üblichen Küchenzwiebel ihre Schärfe verleiht. Dies bewirkt einen milden und fruchtigen, ja fast schon etwas süßen Geschmack, weshalb sie roh für die unterschiedlichsten Salate verwendet wird. Als Zwiebel-Pesto oder eingelegt in Olivenöl oder Balsamico-Essig wird sie haltbar gemacht und sogar zu Marmelade, gekocht mit Wein und viel Zucker sowie verfeinert mit Zimt, Nelken oder Minze wird sie weiterverarbeitet und zu Fleisch und Käse gereicht. Die wohl ungewöhnlichste Verwendung findet sie in einem Eiscafé in Tropea, wo man tatsächlich ein Zwiebeleis probieren kann.

Die Familie Oriolo belieferte mit ihrem Gemüse nicht nur die verschiedensten Händler in der Region. Nachdem der Betrieb von Lucias Großvater an ihren Vater Dino übergeben worden war, hatte dieser auch die Weiterverarbeitung des Gemüses begonnen und mit vielen Ideen und kaufmännischem Geschick vorangetrieben, so dass die Spezialitäten mit dem fünfeckigen, grünen Oriolo-Etikett auf dem Deckel oder dem Glas mittlerweile in vielen Spezialitäten-Läden von Tropea angeboten und nicht nur von den Einheimischen, sondern besonders auch von den Touristen gerne gekauft wurden. Wie einige andere regionale Erzeuger hatten die Oriolos auch ihr spezielles, streng geheimes Rezept für die Bomba tropeana, einer scharfen Soße auf der Basis der roten Zwiebel und Peperoncino, die mit verschiedenen Gemüsesorten wie Auberginen, Artischocken, Pilzen oder Peperoni eingekocht, mit Knoblauch und Origano gewürzt und dann als Aufstrich für Bruschette und Panini verwendet oder als Beilage sowie Soße zu Vor- und Hauptspeisen gereicht wird.

Als Lucia daheim eintraf, war ihre Mutter in der Küche bereits mit der Zubereitung des Abendessens beschäftigt, Gianfranco und ihr Vater waren noch auf den Feldern unterwegs, während Rocco in seinem kleinen Büro Rechnungen kontrollierte und dann versandfertig machte.
„Hallo Mama.“
„Ciao Lucia, schön dass du dich bei uns auch wieder einmal blicken lässt.“
Lucia hörte einen ziemlich sarkastischen Unterton aus der Bemerkung ihrer Mutter heraus und überlegte kurz, ob es nicht besser sei, sofort wieder zu gehen. Auf die üblichen Diskussionen mit ihren Eltern wegen ihres Jobs und ihrer Selbständigkeit hatte sie keinerlei Lust, aber sie wollte ihre große Neuigkeit unbedingt an diesem Abend verkünden. Deshalb schluckte sie ihren Ärger hinunter.
„Kann ich Dir noch etwas helfen, Mama?“
„Nein, ich bin gleich fertig.“
Lucia ließ es sich nicht nehmen, die Deckel hochzuheben, um zu sehen, was in dem Topf und den beiden Pfannen bruzzelte und kochte. In der einen Pfanne köchelte die schon fertige Soße für die Maccheroni alla calabrese, in der zweiten schmorten dicke Schwertfisch-Scheiben. Das Wasser in dem Topf war schon heiß genug, um es gleich salzen und die Maccheroni hineingeben zu können.

Rocco kam als erster zu ihnen in die geräumige Küche, in der auch der große Esstisch der Familie stand. Lucia hatte sich inzwischen an den bereits fertig gedeckten Tisch gesetzt und sich ein Glas Acqua minerale eingegossen. Roccos Begrüßung fiel etwas herzlicher aus als die seiner Mutter, aber auch er konnte es sich nicht verkneifen, sie etwas anzuspitzen, weil sie ihre Familie schon so lange nicht mehr besucht hatte. Von klein auf waren er und seine Brüder es gewohnt gewesen, ein Auge auf ihre kleine Schwester zu haben, bis sie sich mit ihrem Umzug nach Messina ihrer Obhut entzog. Der einzige, der für sie immer Verständnis aufgebracht hatte, war Matteo. Er war nur knapp zwei Jahre älter als Lucia und mit ihm hatte sie sich schon immer am besten verstanden. Deshalb bedauerte sie es auch, dass er nicht dabei sein konnte, wenn sie der ganzen Familie von ihrer Schwangerschaft erzählen würde. Ihm selbst hatte sie die große Neuigkeit, abgesehen von Sebastian, als erstes erzählt. Von seiner Seite hätte sie an diesem Abend bestimmt Unterstützung zu erwarten gehabt, unabhängig davon wie ihre Eltern und die anderen beiden Brüder auf die Neuigkeit reagieren würden. Aber Matteo musste leider in seinem Laden bleiben, der wegen der vielen Touristen von Anfang Juni bis Mitte September abends bis zweiundzwanzig Uhr geöffnet war. Lucia hatte sich aber vorgenommen, auf ihrem Heimweg noch bei Matteo vorbeizuschauen, um ihm zu berichten, wie der Rest der Familie ihre Nachricht aufgenommen hatte.

Kurz nach Rocco kamen auch Lucias Vater und Gianfranco mit seiner Frau zum Abendessen herein. Der älteste der drei Oriolo-Brüder war bereits seit drei Jahren verheiratet und wohnte mit seiner Frau Luisella in einem Anbau des elterlichen Anwesens. Ihr Vater und Gianfranco begrüßten sie auch etwas unterkühlt, von Luisella dagegen wurde sie herzlich umarmt. Die beiden kannten sich schon seit vielen Jahren, weil sie in der Scoula elementare, vergleichbar mit der deutschen Grundschule, gemeinsam die Schulbank gedrückt hatten. Gianfranco und Luisella hatten sich durch Lucia kennengelernt, als sie die beiden bei einer Party miteinander bekannt machte. Luisella war für ihren Mann genau das Hausmütterchen, das er sich vorgestellt hatte und das er brauchte. Sie hatte sofort nach der Hochzeit ihren Arbeitsplatz aufgegeben und kümmerte sich fortan nur noch um ihren Mann und ihren Haushalt, was ihr anscheinend überhaupt nichts ausmachte. Nur ihr Kinderwunsch war bisher noch nicht in Erfüllung gegangen.

Während der Pasta mit der würzigen Soße aus Schinken, Tomaten und Pecorino stellte Luisella ihrer Schwägerin pausenlos Fragen und Lucia war froh darüber, dass sie so die Gelegenheit hatte, viel von ihrer Arbeit zu erzählen, sparte aber das Thema Michele aus. Den Rest der Familie schien ihr Alltag überhaupt nicht zu interessieren, nur Rocco schaltete sich ab und zu ein, er wollte das Gesprächsthema von der Schule zu ihrem Privatleben lenken. Eine direkte Frage zu ihrer Beziehung mit Michele konnte sie noch etwas ausweichend beantworten.
„Hat er dir noch keinen Heiratsantrag gemacht?“, wollte ihre Mama dann wissen, während sie den Schwertfisch auftrug.
Immer wieder hatte Lucia Michele vertröstet, als er sich wünschte, mit ihr zusammenzuziehen, sie wollte das erst tun, wenn sie verheiratet sein würden. Einen offiziellen Heiratsantrag hatte er ihr zwar nie gemacht, trotzdem war er immer wieder darauf zu sprechen gekommen. Die Frage ihrer Mama brachte Lucia nun unter Zugzwang.
„Ich wollte es euch eigentlich erst nach dem Essen erzählen…“
Weiter kam sie nicht, weil Luisella sofort rief.
„Du heiratest? Das ist ja wunderbar!“
„Nicht so schnell, Luisella“, bremste sie Lucia. „Das wollte ich jetzt nicht verkünden.“
„Was denn dann?“, fragten Rocco und Gianfranco gleichzeitig.
Lucia machte eine Pause, alle sahen sie erwartungsvoll an.
„Ich bin schwanger.“
Wieder war Luisella die erste, die reagierte.
„Das ist ja eine noch viel schönere Neuigkeit.“
Sie sprang auf, lief um den Tisch herum zu Lucia und umarmte sie. Gianfranco und Rocco waren ebenso sprachlos wie ihr Vater, der erst einmal zur Flasche Vino rosso griff, sein Glas füllte, es in einem Zug leer trank und dann etwas heftig auf den Tisch knallte. Lucias Mama sah sie mit ernster Miene an und fragte dann:
„Was sagt denn Michele dazu?“
Lucia wusste, dass sie nun den zweiten, weitaus schwierigeren Teil ihrer Neuigkeit erzählen musste.
„Er war nicht sehr erfreut darüber, vor allem, weil es nicht von ihm ist.“
Wieder herrschte betretenes Schweigen, diesmal sagte auch Luisella nichts. Deshalb sprach Lucia weiter.
„Michele und ich, wir haben uns schon vor einiger Zeit getrennt.“
„Vom wem ist es dann?“, fiel ihr Dino Oriolo harsch ins Wort.
Lucia antwortete ihm nicht sofort, sondern redete weiter von Michele.
„Es hat zwischen uns beiden schon länger nicht mehr gestimmt, deshalb…“
„Von wem das Kind ist, will ich wissen“, fuhr ihr Vater sie erneut an, diesmal schon bedeutend lauter.
Fünf Augenpaare starrten Lucia an.
„Wir sind schon seit April zusammen, er ist achtundzwanzig und heißt Sebastiano.“
Wieder sprach nur ihr Vater zu ihr.
„Ein Tropeano?“
„Nein, er kommt aus der Nähe von München.“
Laut krachend landete Dinos Faust auf dem Tisch. Das Geschirr klirrte und von der Tomatensoße, in der der Schwertfisch geschmort worden war, spritzte etwas vom Teller auf den Tisch.
„Ein Deutscher?“, brüllte er. „Und da wagst du es überhaupt noch, hierher zu kommen? Reicht es dir nicht, dass du mit deinem Lebenswandel das Ansehen meiner Familie beschmutzt? Jetzt lässt du dich auch noch von einem dahergelaufenen Deutschen schwängern. Du bist eine einzige Schande für meine Familie. Ich will dich hier nicht mehr sehen.“
„Aber Papa…“
„Raus habe ich gesagt“, brüllte er.
Keiner wagte es, dem Familienoberhaupt zu widersprechen. Lucia hatte zwar erwartet, dass besonders ihr Vater wegen ihrer Schwangerschaft ziemlich verärgert sein würde, aber mit einer derart heftigen Reaktion hatte sie nicht gerechnet. Andererseits, wenn sie ihr Vater schon aus dem Haus warf, dann gab es für sie auch kein langes Überlegen mehr, ob sie mit Sebastian nach Erding gehen sollte oder nicht.

„Sebastian muss bald nach Deutschland zurück und ich werde so schnell wie möglich zu ihm ziehen“, sagte sie trotzig und stand auf.
Als sie an Luisellas Platz vorbeiging, berührte diese ganz leicht ihre Hand, um ihr zu signalisieren, dass sie keineswegs der gleichen Meinung war wie ihr Schwiegervater. Rocco, Gianfranco und Lucias Mama Giuseppina sagten noch immer nichts. Ohne sich noch einmal umzudrehen steuerte Lucia auf die Tür zu.
„Lass dich hier bloß nicht noch einmal blicken“, schimpfte ihr Dino hinterher.
Sie hatte die Tür fast erreicht, als sie plötzlich das Gefühl hatte, der Boden unter ihr würde zu schwanken beginnen. Sie bekam ganz weiche Knie, alles um sie herum drehte sich. Lucia wollte sich an der Türklinke festhalten, die sich mit einem Mal von ihr wegzubewegen schien. Deshalb griff sie daneben, sackte zusammen und fiel in ein tiefes schwarzes Loch.